Zur Geschichte der Kampfkunst
Kempo / Kung Fu
-genial statt brutal-
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Da Kampfkunst in der Regel als Geheimwissen betrachtet und vor allem mündlich überliefert wurde, sind historische Quellen rar und eher fragmentarisch. Zu den ältesten Zeugnissen gehören einzelne bildliche Darstellungen, wie z.B. ein Relief, das um 3000 v.u.Z. in Babylon entstand und eine Abwehr mit dem Unterarm zeigt. Die schriftliche Aufzeichnung von Kampfkunsttechniken begann wahrscheinlich erst zu Beginn des 3. Jh. Aus dieser Zeit stammen einige bemerkenswerte Texte, wie z.B. die Beschreibung einer Übungsreihe mit fünf Tierstilen von dem chinesischen Arzt Hua Tuo oder einige Leitsätze (Sutras) in der indischen Sprache Tamil, mit detaillierten Angaben zum Angriff auf die Vitalpunkte und zum Gebrauch von Waffen.
In Indien gehörte die Ausbildung in verschiedenen Kampftechniken zur Allgemeinbildung der adligen Kaste (Kshatriya). In China gehörte sie weitgehend zur Bildung der Gelehrten und höheren Staatsbeamten. Aber von besonderer Bedeutung für die Entwicklung der modernen Kampfkunststile war der Austausch zwischen den beiden Kulturbereichen. Dieser Austausch erfolgte vor allem entlang der großen Handelsstraßen. Um ihre Ware sicherer über weite Strecken transportieren zu können, beschäftigten die Kaufleute professionelle Leibwächter. Seit dem 6.Jh. v.u.Z. wanderten zunehmend auch buddhistische Mönche auf den Handelsrouten. Auch sie mussten sich gelegentlich verteidigen und erlernten deshalb entsprechende Techniken.
Der Legende nach war einer dieser Mönche Bodhidarma (chin. Tamo, jap. Daruma). Bodhidarma soll sich um 500 im Shaolin-Kloster in der heutigen Provinz Henan niedergelassen haben. Er war ein Vertreter der Schulen des Buddhismus, die besonderen Wert auf Meditation (Dhyana) als Weg zur Erleuchtung legten. Im Shaolin-Kloster vermischte sich diese Kosmologie mit Elementen des einheimischen Taoismus und des Konfuzianismus. So entstand eine neue Richtung, die als Channa- (chin. Lesart von Dhyana) oder Chan-Buddhismus bezeichnet wurde. Der Chan-Buddhismus verbreitete sich später bis nach Japan, wo er Zen-Buddhismus genannt wird.
Mit den Mönchen kamen auch indische Kampfkunsttechniken nach Shaolin und vermischten sich dort mit einheimischen Stilen. Auf diese Weise entstand das Shaolin Quanfa, das im Gefolge des Chan-Buddhismus nach Okinawa und Japan wanderte, wo es erneut mit bodenständigen Stilen verschmolz. Heute werden weltweit Kampfkunststile praktiziert, die im Shaolin-Kloster entstanden, sich davon abzweigten oder irgendwie davon beeinflusst sind. Die indischen Kampfkünste Shastar Vidiya und Kalari Payat sowie die chinesischen taoistischen Stile dagegen sind trotz ihrer Effizienz und Anmut im Ausland kaum bekannt. Das lässt sich vielleicht auch darauf zurückführen, dass dem Hinduismus und dem Taoismus weniger Sendungsbewusstsein eigen ist.
Heute werden alle Stile, die in einem Zusammenhang mit dem Shaolin Quanfa stehen, als Shaolin Kungfu (chin.), Shorinji Kempo (jap.) oder einfach Kempo (Weg der Faust) bezeichnet. Das trifft im weiteren Sinne auch auf das Shaolin Kempo zu. Diese Kampfkunst wurde von Gerald Karel Meijers (ursprünglich Tse Dschero Khan Chen Tao Tse) begründet, der 1928 in Ulan Buhar (Mongolei) geboren wurde und dessen Ahnenreihe bis zu Dschingis Khan zurückreicht. Als Jugendlicher wurde er von dem niederländischen General Cornelius Meijers adoptiert. Er wuchs überwiegend in Militärlagern in Indonesien und Korea auf. Meijers lernte mehrere Kampfkünste, befasste sich aber besonders intensiv mit Kuntao, das er in Bandung (Java) im Kloster Hiap Thian Kiong lernte, sowie mit Kyokushinkai Karate und Goju Ryu. Der Begriff Kuntao (indones. Weg der Faust) bezeichnet alle indonesischen Systeme chinesischen Ursprungs. Da Indonesien bereits im 6. Jh. auf der Seehandelsroute zwischen China und Indien lag und auch weiterhin ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt blieb, konnten neben indonesischen Techniken auch Elemente malaiischer, japanischer, koreanischer und indischer Stile in das Kuantao einfließen. 1950 brachte Meijers das Kuantao in die Niederlande, wo er es nach Vorbild des Kyokushinkai Karate und des Goju Ryu stilisierte und standardisierte und die japanische Terminologie einführte. Den überarbeiteten Stil bezeichnete er als Shaolin Kempo.
Das Shaolin Kempo verbreitete sich relativ schnell in den Niederlanden und gelangte bald auch nach Deutschland. Hans Hendricks hat diese Kampfkunst bei Hermann Scholz in Kleve studiert. 1985 gründete er in Berlin die Egnoka-Schule. Nach traditionellem Vorbild hat Hendricks das Shaolin Kempo nach energetischen Prinzipien verfeinert und die Lehrmethoden ausgebaut. Dabei wird insbesondere auf eine gesunde Art der Bewegung Wert gelegt. Dieser Stil trägt jetzt den Namen Shaolin Chi Kempo.
Gabriele Berlin
Die Legende erzählt, dass der indische Mönch Bodhidharma um das Jahr 520 nach China kam.
Er hatte den Wunsch, die Lehre Buddhas dort zu verbreiten. Als erstes ging er zum Kaiser Wu im Staate Liang. Denn dieser Kaiser war ein begeisterter Anhänger des Buddhismus. In jener Zeit gab es bereits fast tausend buddhistische Klöster in China, da Buddha schon 500 v. Chr. in Indien gewirkt hatte und viele seiner Schüler die Lehre bis über die Grenzen Indiens verbreiteten. Bodhidharma unterhielt sich mit dem Kaiser und sagte ihm, dass dieser rein klösterliche Buddhismus wertlos sei. Es gehe nicht darum, Klöster zu bauen und in ihnen heilige Brüder abzuschreiben, sondern das einzige bedeutsame Glaubenswerk sei geistiger Natur: die Weisheit.
Nach diesem mißglückten Gespräch mit dem Kaiser Wu ging Bodhidharma zum Shaolin-Kloster im Staate Wei in der Provinz Henan. Dort zog er sich in eine nahegelegene Höhle zurück, um neun Jahre lang zu meditieren. Eine Legende erzählt, dass der Blick seiner tiefblauen Augen am Ende der neun Jahre dauernden Meditation eine Vertiefung in die Höhlenwand gebohrt hatte. Eine andere Legende spricht von seinem Schatten, der sich in die Wand gebrannt haben soll.
Als der Abt dies sah, war er so beeindruckt, dass er Bodhidharma bat, fortan im Shaolin-Kloster zu leben. Bodhidharma erschrak über die schlechte körperliche und geistige Verfassung der Mönche. Deshalb erfand er Übungen für Körper und Geist. Schon auf seinen früheren Reisen war er von chinesischen Priestern der taoistischen Religion dazu angeregt worden. Diese Übungen, die in China schon seit Jahrhunderten bekannt waren, verknüpfte Bodhidharma mit Yoga-Übungen, deren Kenntnis er aus Indien mitgebracht hatte.
Maximilian Staguhn
Als der Buddhist Bodhidharma nach China kam, fand er dort eine Religion vor, die in vieler Hinsicht dem Buddhismus ähnlich war: Der Taoismus.
Unter „Tao“ versteht man das geheime Weltgesetz, das sich hinter allem verbirgt. Es kann nicht benannt oder beschrieben werden. Dieses unfassbare und unbenennbare Tao ist der Grund aller kosmischen Harmonie. Das Tao war schon da, bevor es die Welt gab. Im Uranfang der Welt gingen aus dem Tao die beiden Kräfte Yin und Yang hervor. Sie sind die Gegensätze, die überall in der Welt vorkommen. Sie bestimmen alles vom Größten bis zum Kleinsten. Die Elemente selbst gehen aus der Verbindung von Yin und Yang hervor. Die Chinesen kennen nicht wie wir vier, sondern fünf Elemente: Wasser, Erde, Feuer, Metall und Holz. Die Wirkungen der Elemente werden wiederum von Yin und Yang bestimmt: Die Erde saugt das Wasser auf, das Wasser löscht das Feuer, das Feuer schmilzt das Metall, das Metall schneidet das Holz, das Holz pflügt die Erde.
Alles Leben, auch das des Menschen, entsteht aus der Bewegung von Yin und Yang. Yin ist die negative Kraft, Yang die positive. Das heißt nicht, dass das Yin schlechter ist als das Yang, denn das eine kann ohne das andere nicht sein. Es heißt, dass Yin und Yang sich als gestaltende Kräfte zwischen Himmel und Erde bewegen, ja man kann sagen: Yin ist die Erde und Yang ist der Himmel.
Durch den Menschen, der über sich den Himmel und unter sich die Erde hat, fließt dieser Energiestrom unablässig vom Yin-Qi zum Yang-Qi und umgekehrt. Unter Qi versteht man die Lebensenergie, die alles Lebendige durchströmt.
Diese Energie fließt auf unsichtbaren „Drachenadern“ sowohl zwischen Himmel und Erde, als auch im menschlichen Körper. Die „Drachenadern“ im Menschen nennen wir Meridiane oder Leitbahnen. Wenn das Qi nicht richtig fließt, dann ist man krank. Qi ist die Grundlage des gesamten Lebens. Verschwindet das Qi aus dem Körper, so tritt der Tod ein.
Im alten China wurden Methoden erfunden, diese Lebenskraft Qi zu beeinflussen. Man kann sie lenken, kräftigen und reinigen mit dem Ziel der körperlichen, seelischen und geistigen Gesundheit des Menschen bis ins hohe Alter.
Nach und nach entwickelten sich drei Übungskomplexe. Erstens: Atemübungen, zweitens Ernährungsregeln und drittens allgemeine Gesundheitsübungen (Qigong). Das Ziel von Qigong besteht darin, sein Qi zu sammeln, um es dann an eine Stelle seines Körpers zu lenken, wo man es will. Die alten Chinesen sagten, dass man ohne Qigong keine Meisterschaft in den Künsten erreichen könne. Der ganze Charakter des Menschen geht aus dem Qi hervor. Am Qi zu arbeiten heißt, an seinem Charakter zu arbeiten.
Maximilian Staguhn
Als Bodhidharma nach China kam, fand er dort eine alte zweitausendjährige Boxart vor.
Dieses alte Boxen heißt Ch\'uan Fa oder Kempo. Beides bedeutet „Lehre der Faust“. Um diese Kampfart zu verbessern, beobachtete Bodhidharma die Bewegungen der Tiere beim Kampf. Solche Beobachtungen hatte ungefähr 200 Jahre vor Bodhidharma schon ein chinesischer Arzt namens Hua Tuo gemacht. Dieser beobachtete die Bewegungen des Tigers, des Bären, des Hirschs, des Affen und des Kranichs. Bodhidharma beobachtete aber nicht nur fünf, sondern 18 verschiedene Tiere. Daraus entwickelte er die „18 Hände der Buddha-Schüler“. Die 18 Grundstellungen des Kung-Fu. Erst Jahrhunderte später erreichte das Kung-Fu jenen hohen Grad der Vollkommenheit, den wir heute bewundern können.
Im 12. Jahrhundert wurde die sogenennte Wudang-Schule entwickelt. Nach der Lehre der Wudang-Schule lassen sich Härte und Gewalt nur durch äußerste Weichheit besiegen. Der Kämpfer, der diese Regeln beachtet, braucht weder Kraft noch Härte.
In Japan kennt man die Kampfkunst Aikido, welche ebenfalls den Regeln der Wudang-Schule, auch „innere Schule“ genannt, folgt. Man spricht deshalb von „innerer Schule“, weil es in dieser Art des Kampfes mehr auf die geistige Konzentration und die Lenkung des Qi ankommt.
Zwischen dem 16. und 17. Jahrhundert erfand eine Frau mit Namen Yim Wing Chun einen weiteren Stil des Kung-Fu: Das Wing Chun-Kung- Fu.
Diese Frau hatte bei einer Nonne das alte Shaolin-Kung-Fu erlernt. Doch für Yim Wing Chun hatte das alte traditionelle Shaolin-Kung-Fu eine zu starke Neigung zur Brutalität und war ihrer Meinung nach zu kompliziert. Sie übernahm zwar manches aus dem alten Shaolin-System, fügte aber auch völlig Neues hinzu. Auf diese Weise entstand ein flüssiger und weicher Stil mit kurzen scharfen Schlägen im richtigen Moment. Man kann diesen Stil sehr schön mit einer Beobachtung eines Mönches, der ebenfalls eine neue Kampfart erfinden wollte, vergleichen. Er beobachtete in den Bergen einen Kampf zwischen einem Kranich und einer Schlange. Während der Kranich gezwungen war, vor der Schlange zurück zu weichen, machte er mit seinen Flügeln weiche, abgerundete, geradezu tänzerische Bewegungen, und in dem richtigen Moment schnellte er mit seinem langen, spitzen Schnabel auf den Feind zu.
Diese Art des Kampfes, Wing Chun, ging allerdings im Laufe der Zeit wieder verloren. Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sie der Chinese Yip Man wieder aufgegriffen. Er wurde ein Meister dieser Kampfkunst. In Hong Kong leitete er eine Schule, in die 1953 ein Junge namens Bruce Lee eintrat. Er sollte später seinen eigenen Kampfstil entwickeln, den er Jeet-Kune-Do nannte. Das bedeutet „Der Weg der abfangenden Faust“. Dieser Stil ist gekennzeichnet durch natürliche Einfachheit. Die alten starren Formen des Kung-Fu wurden zugunsten eines freien und ungebundenen Kampfstils aufgegeben. Bruce Lee brachte in seinem Kampfstil alle Arten von Kampfkünsten mit ein. Zum Beispiel Elemente aus Judo, Karate und westlichem Boxen. Durch die Filme, die Bruce Lee drehte, machte er Kung-Fu wieder in der ganzen Welt bekannt. Er starb sehr früh – schon mit 33 Jahren – aber dennoch als der beste Kung-Fu-Meister seiner Zeit.
Als würdiger Nachfolger von Bruce Lee konnte sich Jahre später der Chinese Jackie Chan beweisen. Mit seiner außerordentlichen Schnelligkeit und verblüffenden Reaktionsfähigkeit konnte er sogar manche Kampftechniken von Bruce Lee überbieten.
Maximilian Staguhn
Wie wir hörten, beruht in taoistischer Sicht alles im Kosmos auf dem Gegensatzpaar Yin und Yang.
Dieser Gegensatz der beiden kosmischen Kräfte bedeutet nicht Konflikt und Zerstörung, sondern Bildung eines harmonischen Ganzen. Dasselbe ist der Vorsatz eines jeden Kung-Fu-Kämpfers und seines Gegners. Wahre Kampfkunst ist ein harmonisches Ganzes, gebildet aus dem Gegensatz der beiden Kämpfer. Wir sprechen hier von Harmonie, da Kung-Fu eine Kunst ist, eine Kunst des Kampfes. In der Kunst des Kung-Fu ist ein weiterer Gedanke von Bedeutung: Die Energie, die im Menschen steckt, ist durch den Willen lenkbar. Also geraten in einem Kampf nicht nur zwei Körper aufeinander, sondern auch zwei entgegengesetzte Energien. Entscheidend ist in der Kampfkunst nicht die körperliche Kraft, die durch Muskelmasse entsteht, sondern die geistige Kraft, die durch Konzentration erreicht wird. Sie bewirkt die Harmonie von Seele und Körper und ermöglicht den Sieg des Sanften über das Harte. Schon die alten taoistischen Philosophen lehrten, dass Sanftheit, Nachgiebigkeit und Gewandheit die rohe Gewalt überwinden können. In der Kampfkunst geht es nicht unbedingt um den Sieg über den Gegner, sondern um den Sieg über einen selbst; es geht um die Überwindung der eigenen Schwächen und Mängel. Im Vordergrund steht also die geistige Vervollkommnung des Menschen, die Ausbildung eines festen, willensstarken, in sich ruhenden Charakters.
Auf den ersten Blick erscheint die Kampfkunst als gewalttätig. Der wahre Grund der Kampfkunst liegt darin, auf Gewalt zu verzichten. Gewalt ist ja oft eine Folge von Furcht, Schwäche oder Unwissenheit. Indem der Mensch Wissen und Selbstvertrauen erwirbt, schwindet bei ihm das Bedürfnis, Gewalt anzuwenden.
Taoismus und Buddhismus lehren die Ehrfurcht vor dem Leben. Man darf Kung-Fu also niemals einsetzen, um Leben zu schädigen oder gar zu vernichten. Das bedeutet aber nicht Widerstandslosigkeit; dem Menschen ist es durchaus erlaubt, gegen das Böse zu kämpfen und sich für das Gute einzusetzen. Man kämpft stets für ein edles Ziel unter Einsatz aller Kräfte und Kenntnisse. Die Ablehnung der Gewalt bedeutet die Überwindung von negativen Gefühlen wie Furcht, Zorn oder Hass.
Maximilian Staguhn
Geschützte PDF-Datei zum Download (ab Acrobat Reader 5.5 aufwärts) http://www.kempo-berlin.de/fotos/biographie-sifu-tze.pdf Biographie Prof. Dr. Sifu Tze Chen Tao Tze Prinz Ganjuurin Dschero Khan
Geschützte PDF-Datei zum Download (ab Acrobat Reader 5.5 aufwärts) Beitrag von Manfred Utt über die Entstehungsgeschichte des Roten Drachen.
Auf der Internetseite der Egnoka-Schule finden Sie weitere Informationen, zu den Themen.
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